1. Historische Einordnung von Siddhartha Gautama
Siddhartha Gautama, später als Buddha bekannt, lebte tatsächlich, bloß wann genau, lässt sich nicht sicher datieren. Traditionell wurde seine Geburt auf 563 v. Chr. angesetzt, mittlerweile geht die Forschung jedoch davon aus, dass er etwa 80 bis 100 Jahre später geboren wurde. Sein Leben ist vergleichsweise reich dokumentiert. Einige Eckdaten gelten als recht verlässlich, während andere Berichte widersprüchlich oder historisch kaum haltbar erscheinen. Manche davon sind offenkundig mythisch, etwa die Erzählung von seiner Geburt aus der rechten Seite seiner Mutter, begleitet von wundersamen Zeichen.
2. Überlieferung der buddhistischen Lehre
Ähnlich unklar ist, was Siddhartha Gautama tatsächlich gelehrt hat. Seine Lehre wurde erst rund vier Jahrhunderte nach seinem Tod in größerem Umfang schriftlich fixiert, vor allem in Sri Lanka. Während der langen Phase mündlicher Überlieferung musste sich die Lehre an unterschiedliche kulturelle Kontexte anpassen und gegen konkurrierende Weltanschauungen behaupten.
Hinzu kommt, dass sich der Buddhismus in dieser Zeit bereits über große Teile Asiens verbreitet und stark ausdifferenziert hatte, sodass mehrere, teils deutlich voneinander abweichende Versionen aufgezeichnet wurden. Das Ergebnis ist eine äußerst umfangreiche Textsammlung mit sehr unterschiedlichen Stilen, Intentionen und Aussagen.
Ich persönlich finde Stephen Batchelors Deutung plausibel, wonach Siddhartha Gautama als pragmatischer Agnostiker verstanden werden kann, dem es um existentielle Klarheit im Hier und Jetzt ging, um menschliche Fragilität ohne metaphysische Heilsversprechen oder illusionäre Gewissheiten, um die Kunst des Lebens im Angesicht von Endlichkeit.
3. Der eigene Weg
Zugleich bin ich kein auf Buddhismus spezialisierter Historiker, der sich eine autoritative Einschätzung anmaßen könnte. Wesentlich ist für mich erstens, dass es eine große Vielfalt buddhistischer Traditionen gibt und keine belastbare Möglichkeit, Siddhartha Gautamas wahre Lehre herauszulesen.
Dass zweitens kein Mensch den besten Weg des Menschseins für alle Zeiten und alle Menschen kennen kann, es also gar nicht so dringlich darauf ankommt, was Siddhartha nun genau wollte (und seine Meinung muss sich in den 50 Jahren seines Suchens und Lehrens ohnehin ständig verändert haben). Andere Menschen und Traditionen haben ebenfalls viel zur Ausrichtung unseres Geistes zu bieten.
Und schließlich bin ich drittens davon überzeugt, dass jeder Mensch seinen eigenen Weg finden muss. Ich berufe mich weder auf den Buddha noch auf andere Lehrer – ich sage schlicht: Ich habe einiges Schwierige erlebt, das intensiv durchgearbeitet, viel Wissen aufgenommen, viel mit meinem eigenen Geist gearbeitet, viele Menschen in ihrer Entwicklung begleitet. Und ich habe die Erfahrung gemacht, dass ich Menschen gut auf der Suche nach ihrem eigenen Weg begleiten kann. Nicht mehr und nicht weniger.
4. Dankbarkeit gegenüber vielen Quellen
Siddhartha Gautama und den Millionen von Menschen, deren Erfahrungen in den zweieinhalb Tausend Jahren seit seinem Tod in die Lehren des Buddhismus eingeflossen sind, bin ich dankbar. Und zugleich weiß ich, dass ich auch von der griechischen Philosophie, dem Christentum, der Aufklärung geprägt worden bin, von meiner Familie und meinen Freunden, von Dichtern und Malern (die in ihren Werken die scheinbar objektive Welt dekonstruieren und die verborgenen Wunder sichtbar machen). So wie wir alle uns vielen Quellen verdanken. Es bedarf keines Buddhas.