In einem vorangehenden Post habe ich dargelegt, welche Rolle für mich Siddhartha Gautama, der „Buddha“, als ein Menschheitslehrer spielt – hier führe ich ergänzend aus, wofür ich ausdrücklich nicht stehe: Metaphysik und Guru-Autorität.
1. Die buddhistische Metaphysik
Viele Schulen des Buddhismus, insbesondere der tibetische Buddhismus, gehen von einer ausgearbeiteten metaphysischen Struktur aus.
- Die Welt ist eine Illusion des Geistes. Der Geist selbst gilt als ungeboren und unsterblich. Die Natur des Geistes wird als rein, grenzenlos und zeitlos verstanden, während persönliche Eigenschaften und Erinnerungen lediglich die oberflächlichen Schichten dieses Geistesstroms darstellen.
- Nach dem Tod durchläuft das Bewusstsein Zwischenzustände, bevor es sich erneut verkörpert, abhängig davon, wie sehr wir anhaften und wie unser Karma beschaffen ist. Die guten Wünsche anderer Menschen wie Metta, Tonglen oder Segnungen sollen das eigene Karma positiv beeinflussen. Wer Anhaftung und Unwissenheit vollständig überwindet, löst den Kreislauf der Wiedergeburten auf und verweilt im Nirwana.
- Zudem existieren höhere und niedere Existenzbereiche, sechs Daseinsformen, in denen man wiedergeboren werden kann. Menschsein gilt dabei als die günstigste Position für Erleuchtung, weil es Leiden und Reflexionsfähigkeit kombiniert.
Man kann dieser Metaphysik kritisch gegenüberstehen und dennoch würdigen, wie zweckdienlich sie konstruiert ist.
- Wer glaubt, dass sein Leid auf eigenes Verschulden zurückzuführen ist, wird dies gleichmütig ertragen und entschlossen versuchen, sich in Zukunft richtig zu verhalten.
- Wer das Menschenleben als kostbare Chance sieht und fürchtet, im nächsten Leben als wildes Tier wiedergeboren zu werden, wird sein Leben entschieden der Erleuchtung widmen.
- Das gilt es recht, wenn man überzeugt ist, dass sein Verhalten über dieses Leben hinaus bedeutsam ist und einem entweder Glückseligkeit oder extreme Qualen einbringen kann.
- Wer glaubt, durch sein Wünschen anderen unmittelbar zu helfen, wird stärker Liebe und Großzügigkeit entwickeln.
- Und wer sich vorstellen kann, jedes Wesen sei in einem der unzähligen früheren Leben bereits einmal die eigene Mutter gewesen, wird ein Gefühl der Verbundenheit kultivieren.
Ich selbst bin Agnostiker. Ich glaube nicht, dass wir wissen können, was jenseits unserer erfahrbaren Welt existiert. Und ich glaube nicht, dass man metaphysische Annahmen braucht, um einen klaren, wachen und liebevollen Geist zu entwickeln.
2. Die Rolle des Gurus in buddhistischen Traditionen
Gerade im tibetischen Buddhismus, etwa im Vajrayana oder im Diamantweg, spielt der Guru eine zentrale Rolle. Der Lehrer gilt als Verkörperung der Buddhanatur, als spirituelles Gegenüber, durch das Erleuchtung möglich wird.
Wie die Metaphysik hat auch diese Struktur Vorteile. Die Unterwerfung unter eine Autorität stärkt die Disziplin, erleichtert es dem Geist, von gewohnten Sichtweisen abzurücken, und erzeugt für ein Gefühl spiritueller Orientierung.
Aber erstens birgt die Aufgabe der eigenen Urteilsfähigkeit ein erhebliches Risiko des Machtmissbrauchs, der leider auch im buddhistischen Kontext regelmäßig auftritt.
Zweitens ist mir die Idee selbst zuwider – ich wünsche mir das Gegenteil: Menschen sollen durch mindtraining selbständiger werden in ihrem Denken und Handeln, freier von Autoritäten und Gruppendruck.
Drittens erschließt sich mir nicht, wie die Unterwerfung unter eine Autorität zu tiefer Weisheit führen soll. Spirituelle Reifung entsteht aus meiner Sicht in der unmittelbaren Konfrontation mit den existenziellen Bedingungen unseres Lebens, bis hin zur Sterblichkeit, ohne eine Autorität als Elternersatz.
Soweit zu meiner Sichtweise – nicht weil ich sie für außergewöhnlich halte, sondern weil Meditation oft mit Buddhismus gleichgesetzt wird. Das könnte Menschen zu mir führen, die etwas anderes suchen, als ich zu bieten habe, aber auch Menschen irrtümlich abhalten.
Dass die Erwartungen zusammenpassen, ist gerade deshalb so wichtig, weil es beim mindtraining um mehr geht als um eine neutrale Technik (die richtige Körperposition, Atemtechnik, optimale Frequenz und Dauer bei der Meditation etc.). mindtraining ist existenziell, denn der Dreh- und Angelpunkt ist die Frage: Wer will ich sein, welches Leben will ich führen?
Also: mindtraining bedeutet für mich eine pragmatische Transformation des Umgangs mit unserem Geist, unter Einbezug der Techniken und Erfahrungen, die Buddhisten im Lauf von zweieinhalb Tausend Jahren gesammelt haben, aber in vollkommener Freiheit des Geistes ohne Autoritäten.