Wir alle kennen die schädliche Wirkung von Stress und Angst aus Erfahrung. Soziale Angst – die Sorge, was andere von uns denken – beeinträchtigt Nähe und Authentizität. Redeangst lässt uns stottern oder verstummen. Prüfungsangst blockiert Wissen und Können genau im entscheidenden Moment. Und die Fehlerangst treibt uns in den Perfektionismus.
Nicht nur unsere Erfahrung, auch unzählige wissenschaftliche Studien belegen diese Schädlichkeit. Stress und Angst vermindern Konzentration und Gedächtnisleistung, nehmen uns Kreativität und Spontanität, kosten Energie und Freude. Kurzfristig blockieren sie uns – langfristig drohen Schlafstörungen, Burnout und Gesundheitsprobleme.
Da stellt sich die Frage: Warum hat uns die Evolution überhaupt die Veranlagung zu Stress und Angst mitgegeben?
1. Die evolutionäre Psychologie der Angst
Ein Blick auf unsere Vorfahren, die Affen, gibt Aufschluss:
- Für sie ist es überlebenswichtig, den Körper bei jedem Anzeichen von Gefahr blitzschnell auf Kampf oder Flucht vorzubereiten – Hauptsache, nicht gefressen werden. Sobald sich ein mögliches Bedrohungssignal zeigt, steigen Herzfrequenz, Atmung und Muskeltonus – lieber einmal zu viel als einmal zu spät!
- Ebenso sinnvoll ist es, in solchen Momenten die begrenzten kognitiven Ressourcen ganz auf die potenzielle Gefahrenquelle zu konzentrieren und alles andere auszublenden. Wahrnehmung und Denken verengen sich tunnelartig – eine evolutionär effiziente Fokussierung.
- Angst bietet einen besonders schnellen, verlässlichen Mechanismus zur Verhaltenssteuerung bei spezifischen Bedrohungen. Dank angeborener Angstschemata muss nicht jedes Individuum die Erfahrung machen, dass bestimmte Schlangen tatsächlich giftig sind.
- Der Stress einer unübersichtlichen Situation fördert Verhaltensweisen, die der Gefahrenerkennung dienen, etwa beim Fressen immer wieder aufzuschauen und zu spähen. Gleichzeitig begünstigt er eine pessimistische Interpretation von Reizen: Nach der Sichtung eines Tigers fliehen Affen für eine Weile schon bei kleineren Verdachtsmomenten rascher auf die Bäume als sonst.
- Darüber hinaus verstärkt Angst das überlebensrelevante Lernen aus Erfahrung. Das Gehirn verknüpft in Angstsituationen eine Vielzahl potentieller Hinweise mit der Gefahr und priorisiert deren Speicherung im Hippocampus. So können Affen etwa aus der Geräuschkulisse des Waldes – aus den Warnrufen anderer Tiere oder aus deren plötzliches Verstummen – das Nahen von Fressfeinden ableiten.
- Angst erfüllt auch eine soziale Funktion: Die Angstzeichen eines Affen, der als Erster eine Gefahr bemerkt, alarmieren die gesamte Horde. Wenn dann alle auf die Bäume fliehen, hält die eigene Angst einen einzelnen Affen davon ab, aus Fehleinschätzung am Boden zu bleiben.
- Schließlich treibt Angst zu vorausschauendem Handeln an. Schimpansen etwa bewaffnen sich mit Stöcken oder Steinen, wenn sie mit dem Auftauchen eines Raubtiers rechnen. Diese Fähigkeit, kognitive Ressourcen auf Planung und Vorbereitung zu lenken, gewann mit der neokortikalen Entwicklung der Hominiden weiter an Bedeutung.
2. Angst in der Gegenwart
Wir modernen Menschen sind anders beschaffen und leben in einer anderen Welt als unsere Vorfahren, die Affen, Hominiden und Frühmenschen. Der evolutionäre Vorteil der Angst ist weitgehend entfallen, ihre Kosten dagegen sind enorm gestiegen.
- Wir sind nur noch seltenst unmittelbarer Lebensgefahr ausgesetzt, in der der Flucht-, Erstarrungs- oder Kampfreflex uns retten könnte. Bei den Gefahren der Neuzeit – zu dichtes Auffahren im Straßenverkehr, elektrische Geräte in Wassernähe, übermäßiger Zucker- und Fettkonsum – greift das alte Angstsystem kaum.
- Unsere Denkfähigkeit hat sich revolutionär entwickelt. Statt einem Flucht-, Erstarrungs- oder Kampfreflex zu folgen, können wir in fast allen Situationen durch rationale Analyse bessere Entscheidungen treffen. Der Mensch kann nicht nur auf Bäume klettern, sondern auf den Mond fliegen und eines Tages wohl auf den Mars – diese Denkfähigkeit war im ursprünglichen Gehirn-Design nicht vorgesehen.
- So beeindruckend vielschichtig das Sozialleben der Affen ist, unseres ist massiv komplexer. Ob auf Arbeit oder in der Familie: Es hilft wenig, sich vom Stress anderer anstecken zu lassen – und eigene Angstsignale werden selten positiv aufgenommen.
- Wir haben eine viel höhere Lebenserwartung. Daher zahlen wir einen viel höheren Preis für die langfristigen Gesundheitsfolgen des Stresses, etwa Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Stoffwechselstörungen.
- Die Natur zielt allein auf Überleben – wir aber wollen darüber hinaus glücklich sein. Angst und Stress stehen dem im Weg: Sie sind mit Glücksgefühlen schwer vereinbar und fördern langfristig sogar Depressionen.
- Die moderne Welt bringt allerdings einen Umstand hervor, bei dem sich Angst bewährt: Wir können es uns leisten, wichtige Handlungen aufzuschieben, ohne unmittelbar zu hungern oder zu frieren. Die Natur gibt uns nicht mehr ihr schnelles, hartes Feedback. Viele Menschen sagen daher, sie bräuchten den Druck einer Deadline oder die Angst vor Versagen als Antrieb. Das ist ein Notbehelf. Wirklich tragfähig wird Motivation, wenn sie auf Sinn, Disziplin und Freude am Tun beruht – und genau diese Motivation stärken wir im mindtraining.
3. Sich von Stress und Angst befreien
Auf den T-Shirts steht „No fear, no fun”, aber dann haben sogar die toughen Boulder-Cracks und Surfer Bammel, wenn sie etwas Geistreiches vor einer Gruppe sagen sollen, oder Angst vor Verletzlichkeit in Beziehungen. Die Evolution hat die Neigung zu Stress und Angst tief in uns verankert.
Dennoch können wir lernen, uns weitgehend davon zu lösen. Regelmäßige Pausen und ein gelegentlicher Spa-Besuch sind wunderbar, aber es lässt sich viel mehr erreichen als mit konventionellem Stressmanagement. Mit den Methoden des mindtrainings entwickeln wir die Fähigkeit, frühzeitig selbst subtile Anzeichen von Stress im Körper, im Denken und im Verhalten wahrzunehmen – und gezielt zu entspannen. Wir befreien uns von negativen Deutungsmustern, die Situationen bedrohlicher erscheinen lassen, als sie sind. Sogar unbewusste Prägungen aus der Vergangenheit, die uns immer wieder in Stress versetzen, lassen sich auflösen.
Wenn wir uns bewusst gegen die Angst entscheiden und uns konsequent von ihr lösen, reagiert das Nervensystem zwar noch reflexhaft auf den bellenden Dobermann, aber im Normalbetrieb, jenseits der glücklicherweise so selten gewordenen physischen Bedrohungen, sind wir frei.